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Montag, 17. März 2008

Wem Ehre gebührt II

Der Liberalen/ Linken/ Grünen Lieblingsmuslime sind die Aleviten. Sie brauchen keine Moscheen, die Frauen tragen kein Kopftuch und an religiösen Zeremonien beteiligen sich Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen - es ist also alles viel "fortschrittlicher" als bei anderen Muslimen oder bei den Katholiken.

In ihrer Vorstellung von "Ehre" und der Stellung der Frau im alltäglichen Leben ist der Unterschied zu den sunnitischen Türken jedoch nicht groß, auch bei den Aleviten ist die Frau die Ehre des Mannes.

Necla Kelek stellt im ersten Teil ihres Buches "Die verlorenenSöhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" die Lebenswege türkischer Männer vor, die eines gemeinsam haben: sie sitzen in einem deutschen Gefängnis. Die Männer kommen aus unterschiedlichen Kulturen, sie sind Kurden, Tscherkessen, Iraner und eben Aleviten.

Die Geschichte von Yilmaz, dem Aleviten, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von denen der anderen Männer, auch er ist weniger ein Opfer der deutschen Gesellschaft als ein Opfer traditioneller Zwänge, die sein Leben bestimmen.

Yilmaz hatte als ältester Sohn, als "Abi" bereits früh viele Pflichten, nach dem Tod seines Vaters ist er mit 17 Jahren der älteste Mann in der Familie und daher für diese verantwortlich. Verantwortlich heißt in der Türkei auch finanziell verantwortlich, da ein Sozialhilfesystem wie in Deutschland nicht existiert. Yilmaz muss sich Gedanken machen, wovon seine Familie (über)leben soll, wenn er zum Militär eingezogen wird.

Yilmaz findet eine Lösung, er verheiratet seine Schwestern (15 und 16 Jahre alt) und verkauft die Werkstatt seines Vaters, um mit dem Geld Mutter, Großmutter und die fünf kleinen Geschwister über Wasser halten zu können.

Seine Zukunft soll in Deutschland liegen, der Onkel schickt ein Brief mit dem Foto eines Mädchens : "...die Familie überlege, sie mit ihm zu verheiraten. Yilmaz schrieb seiner Mutter, dass er ihr die Entscheidung überlasse."

Eine eigene Entscheidung zu treffen kommt für den jungen Mann nicht in Frage: "Da mein Vater tot war, oblag es nach unserer Tradition, wir sind Aleviten, meinem Onkel, für meine Verheiratung zu sorgen und die Hochzeit auszurichten. Er hat alles geplant und vorbereitet, ich musste nur kommen. Auf der Hochzeitsfeier sah ich meine Frau dann zum ersten Mal. Vierzig Tage waren wir zusammen, dann ging sie zurück nach Deutschland."

Das Paar kann nicht, wir geplant, in Deutschland leben, nach ein paar Jahren scheitert die Ehe. Die gemeinsamen Kinder werden Yilmaz zugesprochen. "Der Staat vertraut dem Mann eben mehr", meint Yilmaz. "Außerdem gehören die Kinder dem Mann."

Nach der Trennung schafft es Yilmaz dann doch, nach Deutschland einzureisen, er heiratet eine Deutsche, auch diese Ehe geht schief. Von deutschen Frauen hält Yilmaz danach nicht mehr viel:

"Wenn ich noch einmal heirate, dann nur eine Türkin. Die deutschen Frauen entscheiden selbst über ihr Leben. Das dürfen unsere Frauen nicht. Für uns Männer ist wichtig, dass unsere Frauen sauber sind. Dass sie unser Haus sauber halten. Dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn wir nach Hause kommen. Die Frau ist die Ehre des Mannes. Sie hat zu tun, was der Mann von ihr verlangt. Wenn sie anfängt, selbst Entscheidungen zu treffen, dann gibt es Streit."

Yilmaz, der Alevit, unterscheidet sich in seiner Auffassung von Ehre und Familie in nichts von seinen sunnitischen Brüdern. Die Frauen mögen in religiösen Belangen gleichberechtigter erscheinen, was die Kontrolle über ihr Leben betrifft, sind sie es nicht.

Und noch ein Yilmaz-Satz am Ende: "Wenn es das deutsche Sozialsystem nicht gäbe, waren wir nicht hier. In den türkischen Cafés gibt es nur ein Thema: Warum sind wir nicht in unserer Heimat? Wie sind wir bloß hierher geraten? Wenn wir doch bloß das gute System der Deutschen hätten, würden iwr hier nicht versauern."

(Alle Zitate aus: Necla Kelek, Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes, Köln 2006, S.71-75.)

Dienstag, 22. Januar 2008

Mürvet Öztürks Antwort auf Necla Kelek...

...in der heutigen taz ist genauso platt, wie man sie von einer Verbandsfunktionärin erwartet. Abwiegeln, die Gemeinde in Schutz nehmen, keinerlei Kritik zulassen oder Selbstkritik üben und die Nestbeschmutzerin angreifen - alles so neu nicht, nur dass die Aleviten den Ruf geniessen, so gaaaanz anders zu sein, als die anderen Muslime, wird immer unverständlicher.

Falsche Behauptungen gehören auch zur Verteidigungsstrategie:
Öztürk: ...Aber der eigentliche Inzestvorwurf, den es in der türkischen
Gesellschaft gegen die Aleviten gibt und der auch im "Tatort" gezeigt
wurde, ist ja ein ganz anderer Aspekt.

taz: Welcher ist das?

Öztürk: Dieser lautet, dass Familienmitglieder während der Religionsausübung
Inzucht betreiben würden, Geschwister oder Eltern mit ihren Kindern
Orgien feiern. Das ist ein historisches Vorurteil, um die Aleviten in
der Türkei gesellschaftlich bewusst zu marginalisieren.
Genau dieser Aspekt des Inzestvorwurfs spielte in dem Tatort "Wem Ehre gebührt" keine Rolle. Es ging um den sexuellen Missbrauch eines alevitischen Mädchens durch seinen Vater nicht um eine Orgie im Familienkreis, an der alle freiwillig teilnehmen und die als rituelle Handlung angesehen wird.


Montag, 21. Januar 2008

Wem Ehre gebührt

Necla Kelek in der taz über den Protest der Aleviten:
Die Aufregung der alevitischen Gemeinde und anderer Migrantenverbände über den "Tatort"-Krimi "Wem Ehre gebührt" macht stutzig - stehen doch Anlass und Aufregung offenbar in keinem Verhältnis. Soll hier durch Empörung über Vorurteile gegenüber Aleviten vielleicht etwas anderes bewirkt werden?...Dass hinter der Aufregung über den "Tatort" mehr stecken muss als die Empörung über einen Film, wird auch schon durch den Aufwand deutlich, mit dem die Aleviten sich selbst in die Öffentlichkeit gedrängt haben. Die Demonstration von 20.000 Leuten ist eine Botschaft an die Politik: Achtung, es gibt viele Aleviten, und die sind bereit, auf die Straße zu gehen, wenn über sie geredet wird. Sie wenden sich gegen das "Anschwärzen", wie das türkische Massenblatt Hürriyet die Darstellung des "Tatorts" nennt, und Verbandssprecher von der Linkspartei bis zur Türkisch-Islamische Union (Ditib) übten Solidarität wegen der angeblichen Ehrverletzung. Bisher waren die Aleviten gewohnt,als die guten oder als die anderen Muslime in Ruhe gelassen zu werden.Aber nun wird auch über sie in der Öffentlichkeit diskutiert. Und siezeigen, dass sie, wie andere türkisch-muslimische Männer auch, ihreEhre verteidigen, wenn es um ihre Töchter und Frauen geht. "Bis zum Tod" war auf einem Transparent in Köln zu lesen. Sie wollen, dass Berichte über ihre Art zu leben weiterhin tabu bleiben. Dabei sollen die Fakten unter den Tisch fallen. Die Aleviten verhalten sich, als wollten sie durch den organisierten Aufschrei die Sache selbst übertönen. Tatsächlich stellen in der türkisch-muslimischen und besonders auch der alevitischen Community Gewalt und sexueller Missbrauch ein ernst zu nehmendes und umfassendes Problem dar. ...

Montag, 31. Dezember 2007

Unsere Geduld ist am Ende - Vorzeigemoslems am Rand des Nervenzusammenbruchs

Der Anlass ist- aus deutscher Sicht- banal. Ein Tatort, eine erfundene Geschichte. Sex and crime. Ein Vater der seine Tochter missbraucht. Die Tochter, die sich zu schützen versucht, indem sie dem liberalen alevitischen Islam (gleichberechtigte Frauen, kein Kopftuch) den strengeren sunnitischen Islam (unterdrückte Frauen, Kopftuch) vorzieht.

Die Handlung des Krimis ist nicht wichtig, gesehen hat ihn wohl kaum jemand der Protestierenden. Das Reizwort heißt Inzest - Inzest in einer alevitischen Familie. Die alevitische Glaubensgemeinschaft reicht eine Klage wegen Volksverhetzung ein, in Berlin und Köln demonstrieren Tausende gegen die ARD, mit dem Grundgesetz in der Hand, aber auch mit Plakaten, auf den "Unsere Geduld ist am Ende" oder "Es reicht" steht. Verlangt wird offizielle Entschuldigung der für die Ausstrahlung des Tatorts Verantwortlichen.

Die Wut der Aleviten ist nachvollziehbar, wenn man die Bedeutung des Inzestvorwurfs in der Geschichte dieser Glaubensrichtung kennt und darüber hinaus die gespannten Beziehungen zwischen Sunniten und Aleviten in der Türkei berücksichtigt. Seit Jahrhunderten haben die Gleichberechtigung in der Ausübung des Glaubens und die gemeinsame Teilnahme von Männern, Frauen und Kindern an religiösen Ritualen den Aleviten den Vorwurf des "Inzests" eingetragen, oft verbunden mit blutiger Verfolgung. Das Stigma des Inzests klebt an den Aleviten wie das der Brunnenvergiftung an den Juden. Ein Tatort mit einem brunnenvergiftenden Juden der nebenbei christliche Kinder abschlachtet am Sonntagabend um 20:15 im Ersten? Undenkbar. Zu Recht.

Der Vergleich, der auf den ersten Blick überzeugend erscheinen mag, ist weit hergeholt.

1. Was ist Inzest? Sexuelle Handlungen zwischen (nahen) Verwandten. Ja, aber es gibt auch andere Auslegungen, wie bei Spon deutlich wird: "Nach Ansicht einiger Vertreter der Gemeinschaft bestätige der Inhalt des "Tatorts" eine alte Unterstellung seitens der sunnitischen Muslime, die Aleviten betrieben in ihren Gemeinden Inzest, indem sie religiöse Rituale gemeinsam mit Frauen und Kindern exerzierten. Die Vorwürfe stammten aus der osmanischen Zeit und hätten die Unterdrückung des Alevitentums zum Ziel gehabt."
Der Vorwurf des Inzests gegen die Aleviten bezieht sich also nicht auf sexuelle Verhältnisse zwischen Verwandten oder die sexuelle Misshandlung von Kindern, sondern auf das gemeinsam vollzogene religiöse Ritual.

2. Wie unbekannt der angeblich so weitverbreitete Inzestvorwurf gegenüber den Aleviten ist, zeigt die Reaktion der Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone: "Ich bin nicht auf dieses Vorurteil gestoßen und habe das dann für mich benutzt". Intensive Recherchen im alevitischen Milieu, die Zusammenarbeit mit türkischen Schauspielern - irgendwann hätte ihr doch mal jemand einen Tipp geben müssen, wie empfindlich gerade Aleviten auf den Inzestvorwurf reagieren.

3. Der Film richtet sich an ein deutsches Publikum, das von den in der Türkei grassierenden Vorurteilen keine Ahnung hat. Dargestellt wird ein fiktiver (!) Einzelfall. Ein Vater schwängert seine Tochter, die Tochter versucht zu entkommen und ist am Ende tot - nichts davon wird als normal oder repräsentativ für die alevitische Gemeinde dargestellt. Ein Verbrechen, ein Familiendrama - nichts, was den deutschen Tatortzuschauer zum Hass gegen die Aleviten aufstachelt. Der Vorwurf der "Volksverhetzung" ist lächerlich.

4. Seltsam nicht zuletzt die gemeinsamen Proteste von Sunniten und Aleviten. Wenn man fragt, wer den Aleviten das Stigma des Inzests aufgedrückt hat, dann heisst die Antwort nicht "die Deutschen" oder "die ARD" oder "der Tatort am 23.12.2007", sondern "sunnitische Türken". Mit denen sie jetzt gemeinsam protestieren. Über die Forderung nach einer offiziellen Entschuldigung der sunnitischen Türken für die reale Stigmatisierung und Verfolgung ist auch nichts bekannt...

Trotzdem wird den protestierenden Aleviten viel Verständnis entgegengebracht. Exemplarisch Lenz Jacobson in der Zeit:

Hier geht es nicht um leicht erregbare, orthodoxe Muslime. Die Gruppe, die hier demonstriert, vertritt die vielleicht liberalste Strömung des Islams. Aleviten sind die Lieblinge der Integrationspolitiker, sie sind aus europäischer Sicht sozusagen die Mustermuslime. Auf den Schildern der Kundgebung ist nichts zu lesen vom teuflischen Westen, kein drohendes oder feindseliges Wort ist zu hören. Stattdessen zitieren sie das Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und fast jeder der etlichen Redner auf der gut organisierten Kundgebung beginnt seinen Beitrag mit geradezu euphorischen Bekenntnissen zu Meinungs- Kunst- und Pressefreiheit. Hier kämpft nicht eine aggressive Religionsgruppierung gegen die Mehrheitsgesellschaft, hier kämpft eine weitgehend integrierte Bevölkerungsgruppe gegen Vorurteile.
Man kann darüber streiten, ob Aleviten wirklich "Mustermuslime" sind - wie eine Moslem seine Religion lebt ist schließlich seine Sache. Dass positiv hervorgehoben wird, es seien keine "drohenden oder feindseligen Worte" gegen "den Westen" zu hören oder auf Plakaten zu lesen, ist bedenklich. Als wäre eine Grossdemonstration vor dem Kölner Dom -wohlgemerkt am Sonntagvormittag, während im Dom die Messe noch nicht beendet ist- nicht überzogen genug. Sollen wir wirklich dankbar sein, dass ein Tatort keine Hass- und Gewaltausbrüche nach sich zieht?

Die "weitgehend integrierte Bevölkerungsgruppe" kämpft nicht gegen Vorurteile (von deren Existenz die große Mehrheit der Deutschen vor einer Woche noch keine Ahnung hatte), sie schürt sie.