Würden alle Menschen dieser Erde, alle Inder, alle Chinesen, alle Europäer, Afrikaner, Lateinamerikaner usw. morgen in die Vereinigten Staaten emigrieren, dann würde es eng werden in Amerika.
In den Staaten leben heute auf einer Fläche von 10.000.000 km² ca. 300.000.000 Menschen - also ungefähr 30 Einwohner pro km².
Würden sich dieselbe Fläche 6.6 Mrd. Menschen teilen, hätten die USA eine Bevölkerungsdichte von 660 Einwohnern pro km². Damit würden sie hinter Taiwan (709 EW/km²) und vor Barbados (652 EW/km²) gerade mal auf dem 9. Platz der
am dichtesten besiedelten Staaten landen.
Kaum ein amerikanischer Wähler oder Politiker wäre begeistert, der böse Spruch vom "vollen Boot" würde wohl die Runde machen. Wäre es vorstellbar, dass in dieser Situation mehr Einwanderung (woher auch immer) gefordert würde? Nein? Warum nicht?
Die "klassischen" Einwanderungsländer haben bzw. hatten ein Problem: zu wenige Menschen, um die Möglichkeiten ihres Landes optimal nutzen zu können. Die Mark Brandenburg suchte sich Siedler am Rhein und in Holland um dem Land ein bisschen Leben einzuhauchen, die Preußischen Könige warben um die Hugenotten und die Salzburger Protestanten um mit den Folgen von Krieg, Seuchen und der allgemeinen Rückständigkeit fertig zu werden. Das Ruhrgebiet suchte und fand Arbeiter in Polen, Katharina die Große besiedelte brachliegendes Land an der Wolga mit schwäbischen Bauern.
Richtig großen Sog entfaltete die Neue Welt. Lateinamerika nahm so viele Spanier auf, dass es auf der Iberischen Halbinsel zu wirtschaftlichen Problemen kam - die Hidalgos blieben, ihre Landarbeiter nicht. Die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien nahmen sich nicht nur der Mühseeligen und Beladenen aus Westeuropa an, sondern lockten Händler, Handwerker, Glücksritter und Bauern auch aus Osteuropa und Asien.
Der Wunsch nach ungezügelter Zuwanderung währte jeweils nur kurz. Entweder wurden für kurze Zeit bestimmte Bevölkerungsgruppen angeworben und danach die Grenzen wieder geschlossen (Brandenburg, Ruhrgebiet) oder es wurden harte Bedingungen an die Zuwanderer gestellt (USA, Kanada, Australien). In jedem Fall kam es bereits bei geringen Siedlungsdichten zu einem Stop bzw. einer Begrenzung der Zuwanderung. Während die Vereinigten Staaten mit 31 EW/km² noch relativ dicht besiedelt sind, leben in Kanada nur 3,3 und in Australien 2,6 Menschen pro km².
Diese Länder verstehen sich noch immer als Einwanderungsländer, handhaben die Einwanderung aber sehr restriktiv. Verlangt werden Jugend, Qualifikation, die Beherrschung der Landessprache, will man dauerhaft bleiben oder zumindest ein ordentliches Vermögen.
Vergleicht man die klassischen Einwanderungsländer mit den europäischen Staaten, die sich neuerdings auch unbedingt "Einwanderungsland" nennen wollen, fällt der große Unterschied in der Bevölkerungsdichte auf:
Niederlande: 489 EW/km²
Belgien: 343 EW/km²
Vereinigtes Königreich: 249 EW/km²
Deutschland: 231 EW/km²
Diese ohnehin schon sehr dicht bevölkerten Staaten suchen sich Zuwanderer aus Ländern mit geringer Bevölkerungsdichte. So hat die Türkei 92 EW/km², Marokko: 73 EW/km², Algerien 13,8 EW/km²; das "überbevölkerte" Pakistan hat gerade mal 190 EW/km². Diese Durchschnittszahlen können natürlich nicht als absoluter Maßstab dienen, Länder die zu 90% aus Wüste bestehen haben naturgemäß eine geringe Bevölkerungsdichte wenn man das ganze Land betrachtet, weil sich die Menschen in den wenigen bewohnbaren Regionen konzentrieren.
Aber aus der gefühlten Überbevölkerung Afrikas und Asiens läßt sich kein Recht auf Auswanderung ausgerechnet nach Westeuropa ableiten. Die herbeigeredete demographische Katastrophe, deren Ursache die "Überalterung" der europäischen Gesellschaften sein soll, wird theoretisch gern durch den Import von Migranten aus Ländern mit einem Jugendüberschuss (youth bulge) gelöst. Angeblich eine Win-Win-Lösung: Europa bekommt junge Einwanderer, die die Renten der kinderarmen Generation erarbeiten, Afrika und Mittelasien werden ihre perspektivlose Jugend los, die eingewanderten Jugendlichen finden eine "angemessene" Position in der Gesellschaft und werden zufriedene und friedliche Erwachsene. Soweit die Theorie ...
Aber: Der "
Youth Bulge" lässt sich nicht in Europa abbauen. Wer in Afrika keine angemessene Position in der Gesellschaft findet, wird den Aufstieg in Europa auch nur selten -und wenn, dann nur mit sehr viel Glück- schaffen. Das liegt nicht an den Einwanderern, ich bezweifele nicht, dass viele von ihnen sich voller Optimismus und Leistungsbereitschaft auf den Weg nach Europa machen. Und bitter enttäuscht werden. Und zwar nicht von dem allgegenwärtigen Rassismus der Einheimischen, sondern von der harten Realität. Es gibt zwar in Westeuropa im Verhältnis der Generationen weniger junge Menschen als zum Beispiel in Algerien, aber daraus im Umkehrschluss zu folgern, jeder Algerier wäre, unabhängig von Ausbildung und Sprachkenntnissen eine Arbeitskraft, um die sich in Europa jeder Arbeitgeber reisst, ist falsch. Die Konkurrenz um eine "angemessene Position" ist auch hier hart, die Wahrscheinlichkeit, gegen einheimische Bewerber zu verlieren groß. Was bleibt? Das Gleiche wie in Afrika: Frust und Wut auf eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist zu "integrieren". Denn was ist Integration anderes, als einem Individuum, unabhängig von seiner Herkunft, Rasse oder Religion, eine "angemessene Position" in der Gesellschaft zu geben. Eine Position, in der sich das Individuum wohl fühlt, in der es keinen finanziellen oder sozialen Leidensdruck verspürt? Eine Position, die eine Lebensperspektive bietet?
All das hat Deutschland heute nur wenigen seiner Einwanderer zu bieten. Wir haben keinen Youth Bulge, trotzdem verlassen viele Jugendliche die Schule ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Viele junge Menschen, die erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen haben, finden keinen "angemessenen" Arbeitsplatz. Studenten haben häufig weniger Geld zur Verfügung als ein ALG II Empfänger - Studium und Nebenjob ist die Regel, nicht die Ausnahme. Und die Nebenjobs dienen häufig nur dem Gelderwerb und sind nicht (wie vor zwanzig Jahren üblich) bezahlte Praktika. Praktikanten haben in Deutschland inzwischen nicht selten einen Hochschulabschluss und arbeiten für lau (bzw. für ein "Zeugnis" und die Aussicht, irgendwann mal irgendwen kennenzulernen, der eventuell jemanden kennt, der eine bezahlte Einstiegsposition vermitteln kann.) Ein "bezahltes Praktikum" ist schon fast ein Oxymoron...
Deutschland kann einfach kein "Einwanderungsland" sein. Das Land ist viel zu dicht besiedelt, das heisst, die unendlichen Weiten, die durch Einwanderer urbar gemacht werden könnten, sind nicht vorhanden. Einwanderer können keine neuen Lebensräume erschließen, sondern müssen sich in den vorhandenen Raum integrieren. Und dafür fehlen häufig die Vorraussetzungen: Bildung, Sprachkenntnisse, kulturelle Kompatibilität. Ein "klassisches" Einwanderungsland kann solche Kriterien eher locker sehen, darauf vertrauen, dass der Arbeitsmarkt die Zuwanderer gierig aufsaugt und "Integration" praktisch ein Selbstläufer ist.
Ein Land, in dem schon die hochqualifizierten (Bildungs-)Inländer große Probleme haben, muss bei seinen Zuwanderern andere Maßstäbe anlegen.
Das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte ist übrigens Monaco. Dort leben 16,866 Einwohner pro km² (insgesamt 32.000 Menschen auf 1,98 km²). Davon sind 16% Monegassen, 47% Franzosen, 16% Italiener, der Rest verteilt sich auf über 100 verschiedene Nationalitäten.